AGENDA

13 Dez. 2025

Finissage POGO NEL BRODO / SOMA8

Book Launch SOMA: Listening Sessions, Vexer Verlag

Performance Madison Bycroft

16:00

Listening hhhhh oral publishing house x Bruta

16:30

Listening Gerome Gadient

17:00

A SEQUEL SEEPING NEARBY, 4.7. – 23.8.2025

Leolie Greet

Vernissage
Fr, 4.7.2025, 18:00
20:00 Sound performance Soraya Lutangu Bonaventure
21:00 DJ set Raphael Loosli

Finissage
Sa, 23.8.2025
17:00 Listening mit Ines Marita Schärer auf Einladung von hhhhh fugitive publishing house


Mit meiner braunen Aktentasche in der Hand, frage ich mich - wie oft um diese Zeit - warum ich das hier trage. Ich meine den streng gebügelten Zweiteiler, mit gerader Bundfalte über meinen Beinen und feinen Nadelstreifen-Linien, die sich mit mir bewegen und krümmen. Meine Schritte klacksen auf dem Asphalt, noch lauter als auf den Pflastersteinen. Beides strahlt noch Wärme ab. Der Raum, den ich vorher verlassen habe - in dem ich meine meiste Zeit verbringe - hat ein Loch im Fenster, aus dem ein Schlauch ragt. Ein Schlauch, der Luft ausatmet, den Raum beatmet, so dass mir immer ein wenig zu kalt ist. Deshalb trage ich das.

Neben mir bambelt Mos schwarze Aktentasche, die mit meiner tanzt, würden wir hinschauen. Mo trägt auch ein zugeknöpftes Hemd unter dem Jackett. Gemeinsam laufen wir der unruhigen Hauptstrasse entlang, wie immer. Wir laufen nebeneinander. Andere verfolgen auch einen zügigen Gang, laufen sich selbst hinterher, gehen schnurstracks weiter. Die Linien kreuzen sich, ohne sich zu stören. Wir verursachen ein regelmässiges Klacksen, das in einem dichten Teppich an Geräuschen verschwindet.

Ich eile ums Eck, wo alles verlangsamt wirkt. Die Sonne scheint dort präsenter - vielleicht, weil an dem rundum freistehenden Haus alle Rollos hinter den Fensterfronten heruntergelassen sind. Wir bleiben stehen und starren beide den Abdruck des Ohrs ganz am Rande der sonst glänzenden Fensterscheibe an. Es ist ein öliger Abdruck, klar gezeichnet, der nach unten hin leicht verschmiert. Es ist ein Abdruck, in dem Haare zu erwarten wären, aber keine da sind. Wir sehen uns in der Scheibe. Sehen, wie sich fragende Furchen auf unseren Stirnen bilden, in denen Schweissperlen, wie auf einer Rutschbahn runterrutschen. Tropfen, die sich in unsere Augen verirren, auf unsere Hemden fallen, den Linien entlanggleiten.

Ich drücke den Türgriff erwartungsvoll. Ziehe. Drücke reflexartig. Es ist zu. Die Arme ausgestreckt, den Oberkörper an die Scheibe gedrückt und den Kopf seitlich an die Fensterfront gepresst, schliesst Mo die Augen. Ich mache mir einen Platz unterhalb, sitze auf meine Aktentasche, drücke die rechte Schulter und die Ohrmuschel ans Glas. Unter mir knistert es nach geknicktem Papier und Karton - Dokumente, die ich zuhause nochmals sichten wollte, überprüfen wollte, richtig ablegen wollte. Einige Beinmuskeln sind ganz angespannt.

Ich suche in meiner Erinnerung nach dem, was sich hinter den Rollos befindet. Wir laufen fast täglich am Haus vorbei. Ich habe es vergessen, lausche aber dem dumpfen Surren, das ich nicht kenne, das ich nicht zuordnen, nicht einordnen kann. Ich denke an das Surren des Schlauchs, der atmet, der eine Stehlampe kühl anhaucht, der die Stehlampe feucht anhaucht. Aber das Surren ist dumpfer, viel tiefer, und verflüchtigt sich in alle hörbaren Richtungen. Verflüchtigt sich, wie mein Wunsch nach einer klaren Vorstellung und Form, an die ich mich zu klammern versuche. Auf meiner Nase bilden sich kleine Tropfen. Das Surren zieht sich zusammen. Ein Tropfen fliesst zur Nasenspitze. Ich frage mich, ob es wärmer geworden ist. Es riecht säuerlich, getrocknet. Meine Hände sind feucht, aber kalt. Ich bin nervös. Oder ist es Angst? Ich weiss es nicht. Vielleicht atmet der Raum. Vielleicht atmet der Raum auf. Vielleicht kühlt er sich selbst. Weil es anstrengend ist. Weil er überhitzt ist.

Die Rillen auf meinen Fingerkuppen geben mir Halt. Ich schliesse die Augen, und sehe etwas wachsen, ohne dass ich sagen könnte, wie. Ich lausche, wie das Surren gross ist, ausgedehnt stehen bleibt, sich wendet, dann wieder zerfliesst und an den Lamellen der Rollos entlangläuft. Ich höre, wie die Poren der Wände einen Teil der Feuchtigkeit aufsaugen müssen. Wie sich die Oberflächen zueinander verhalten, sich verbinden oder klar abweisen. Kurze, ganz hohe Töne, als ob etwas stillsteht. Ich drücke das Ohr fester hin, auch wenn mein Rücken dabei wehtut. Es ist, als wäre das Glas poröser, aber die Schweissperlen tropfen über mein Ohrläppli in einer klaren Bahn nach unten, versickern im Boden. Ich frage mich, wie der Raum das aushält, wie lange er diese Bewegungen mitmacht, ob das Haus stehen bleibt.

Etwas Klebriges streift meinen kleinen Finger. Ich sehe, dass sich neben uns noch mehr Hände und Ohren der Oberfläche des Hauses annähern, sich nebeneinander zueinander drehen. Sie erwartungsvoll dastehen. Nervös, neugierig, ängstlich und erleichtert. Ich weiss nicht, wie lange wir schon hier sind. Es ist eng geworden. Es ist aber vor allem ruhiger geworden rundherum. Ich schau zu Mo und suche nach Worten für die Bilder, die sich in meiner Vorstellung bewegen. Ich suche nach Worten, die die Bewegungen nicht einfrieren, aber sage nichts.

– Text von martian mächler

Der Anderfuhren-Preis ist der wichtigste Förder- und Schaffungspreis für die Bieler Kunstszene. Alle zwei Jahre vergibt die Fondation Anderfuhren einen Preis an vielversprechende Künstler:innen unter 40 Jahren aus der Region Biel. Der Preis ist mit 15'000 CHF dotiert und wird im darauffolgenden Jahr durch eine Einzelausstellung ergänzt, die wiederum mit demselben Betrag unterstützt wird.

Im Jahr 2024 ging der Preis an Leolie Greet und wird durch eine Ausstellung in der KRONE COURONNE begleitet. Seit 1976 wurden über 90 Kunstschaffende aus der Bieler Region mit dem Preis ausgezeichnet. In den letzten Jahren waren dies: Leolie Greet (2024); Laurent Güdel (2022); Beth Dillon und Janosch Perler (2021); Jérôme Stünzi (2020); Maya Hottarek (2019); Céline Ducrot und Lea Krebs (2018).

Mit ihren Objekten und Installationen entwirft Leolie Greet (*1995, lebt und wohnt in Biel) poetische Erzählungen, die auf visuellen und sprachlichen Assoziationen basieren. Diese Geschichten beschränken sich nicht auf die einzelnen Elemente der Ausstellung – vielmehr verknüpft sie diese in einer subtilen und überraschenden räumlichen Inszenierung. Die Jury verleiht Leolie Greet den Anderfuhren-Preis 2024 für diese durchdachte und souverän umgesetzte Arbeit.