POGO NEL BRODO, 31.10. – 13.12.2025
Vernissage
Fr, 31.10.2025 – FINAL ACT I
18:00 Performances Rebecca Solari, Rozy Tergemina Sapelkine, Marlène Charpentié
20:00 Listening LABOUR
21:00 Live Emil Slablife
22:00 DJ Dekeizer B2B DJ BByoda
Finissage
Sa, 13.12.2025 – FINAL ACT II
16:00 Book Launch SOMA: Listening Sessions, Vexer Verlag
16:30 Listening hhhhh oral publishing house x SOMA
17:00 Listening Gerome Gadient
18:00 Vernissage Cantonale Bern Jury, Kunsthaus Biel/Centre d'art Bienne (KBCB)
21:00 Performance Madison Bycroft
21:30 Karaoke Grand Finale
In POGO NEL BRODO wirft Rebecca Solari einen Moshpit in einen Suppentopf. In der ortsspezifischen Installation in KRONE COURONNE köchelt die bildhafte Brühe, Neutralität brennt zur Bitterkeit an; Schweigen kristallisiert zu Salz. Körper, Klasse, Nation – alles wird gekocht, ausgespuckt und unter Druck verdampft. Rebecca Solaris Praxis erforscht Identität durch das Prisma der Selbstinszenierung, des Geschlechts und gesellschaftlicher Rollen – mit einem bewussten Vergnügen am Brechen und Mischen von Codes, das oft in einem explosiven, antiheroischen Spektakel gipfelt.
Rebecca Solari (*1996) ist eine transdisziplinäre Künstlerin aus dem Tessin, die in Biel lebt. Sie erwarb ihren Masterabschluss am Dirty Art Department des Sand-berg Instituuts in Amsterdam. Rebecca Solari ist Mitglied des Electro-Punk-Duos Crème Solaire (CH) sowie des Musik-/Performanceprojekts fulmine (NL). Im Jahr 2025 wurde sie für ihre Arbeit Solo Brodo (Primordio e Parsimonia) mit dem Kiefer Hablitzel Preis im Rahmen der Swiss Art Awards ausgezeichnet. Zudem wurde sie 2025 für den Mobilière Art Prize und 2024 für den Swiss Performance Award nominiert.
Acte Vie — Scène Réparatrice
Das Familienhaus klammert sich an den Berghang, auf einem Plateau, das zwischen See und Gipfeln schwebt. Dort weht der Wind frei hindurch und trägt einen Duft von Fichten und nassen Steinen mit sich. Weiter unten spie-gelt das Wasser die Wolken in bewegten Fragmenten, wie ein zweiter Himmel. Die Landschaft verändert sich im Laufe der Stunden, durchzogen von Nebel und flackern-dem Licht. Man sagt, dass an Gewitterabenden von der Veranda aus die Silhouetten nackter, verlorener Lieben-der zu sehen sind — vom Leben getroffen wie vom Blitz. Violette weiss nicht genau, was das bedeuten soll, doch sie kaut mechanisch auf ihrem Kaugummi. Das Stück Kaugummi speichert in seinem Inneren greifbare Spannungen, unausgesprochene Worte, vermischt mit einer spöttischen Sanftheit. Mit entschlossenen Schritten macht sie sich bereit, die Haustür zu durchschreiten, um zu ihren Verwandten zu gelangen, die seit dem Morgen die berühmte Suppe der Überlebenden zubereiten. Ein legendäres Rezept, von Mutter zu Tochter weitergegeben, das keinem lebenden Mann zugänglich ist. Ein mysteriöses Gebräu, das man mit Andacht geniessen muss.
Die Küche öffnet sich zu moosbewachsenen Felsen. Es riecht nach Regen und Lauch. Ein graues Licht gleitet über die gefliesten Wände. Schüsseln dampfen auf dem grossen Holztisch: die Luft ist dicht von Nebel und Geheimnissen.
Diese Suppe ist alles andere als gewöhnlich. Sie lehnt Mehl, Stärke, gehorsame Pulver und sogar die Behaglichkeit von Sahne ab. Nichts hier verdickt die Substanz auf künstliche Weise. Das Bindemittel, sagen sie, ist von anderer Natur — unsichtbar, nicht wahrnehmbar für jene, die nicht mit dem Bauch schmecken. Denn in der Suppe der Überlebenden sind es nicht Rezepte, die alles verbinden, sondern Erinnerungen: entfesselte Impulse, zu Sirup reduzierte Leidenschaften, Fieber, eingekocht, bis es Zärtlichkeit wird. Es ist die Hand auf einer zittern-den Schulter, Geduld, die Wiederholung der Geste, der Glaube an die Rückkehr des Geschmacks. Jeder Löffel offenbart ein Stück dieser Alchemie: Karottenstreifen, Krümel alten Brots, am Schüsselrand eingetrocknete Tränen — alles verschmilzt zu einer einzigen Textur. Violette weiss es ohne Worte: Das Geheimnis der Suppe liegt in der menschlichen Wärme, in der Ausdauer derjenigen, die durch ständiges Umrühren verhindern, dass die Welt sich in zwei Hälften spaltet.
Ein Stimmengewirr und hastige Bewegungen füllen den Raum. Die Familienmitglieder murren, streiten, werfen eiskalte Sätze im entgegen ihren kräftigen Bewegungen, die die mystische Flüssigkeit im Topf umrühren und wiederbeleben.
Violette wird ernüchtert, bleibt aber aufrecht. Ihre Schultern beugen sich nicht unter dem Gewicht der dumpfen Bemerkungen ihrer Verwandten — jener Wesen, die durch die Kraft offizieller und inoffizieller Bindungen das formen, was man Familie nennt. In einem rosa Samtkleid, gesprenkelt mit Blau und durchzogen von elektrisieren-dem Gelb, lässt sie sich auf das Sofa fallen, dem Bergpanorama gegenüber. Mit der Hand den Unterbauch streichelnd, denkt sie liebevoll an Ormeo, das geliebte Wesen, das sie seit ihrer Geburt begleitet, in guten wie in schlechten Zeiten. Seine kleine Zunge, so fein wie ein Zahnstocher, kitzelt ihren Bauchnabel von innen und erinnert sie an seine Gegenwart. Violette seufzt und neigt den Kopf zur chaotischen Landschaft. Mit geschlossenen Augen, in diesem Kokon, zugleich tröstlich und erdrückend, denkt sie an die vom Blitz getroffenen Liebenden an der Küste zurück. Ihr Überleben ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines starken und glüh-enden Willens zu leben.
Dann beginnt es zu regnen – schwer, dicht, fast animalisch. Jeder Tropfen trifft das Haus wie eine Mahnung. Der Wind pfeift durch die Fenster, hebt die Tischdecken, lässt die Kerzen flackern.
Im Spiegel der Scheiben sieht Violette wie sich etwas bewegt — einen Schatten vielleicht, oder eine Erinnerung, die mit der Flut des Sees zurückkehrt. Sie richtet sich auf, angezogen von einer namenlosen Spannung.
In der Küche kocht die Suppe weiter, doch etwas hat sich verändert: Der Duft ist dichter geworden, fast fleischlich, als wäre der Berg selbst in den Topf geschmolzen.
Es riecht gut.
Die Gespräche verstummen.
Man hört nur noch das Brodeln und Ormeo, der sich sehr, sehr langsam bewegt.
Violette tritt vor.
Ihre Mutter sieht sie an, unbeweglich, einen Löffel über der heissen Flüssigkeit haltend.
— Für dich, sagt sie nur.
In ihrer Stimme liegt alles: Erbe, Müdigkeit, Überlieferung, Liebe. Violette taucht ihren Blick in den Topf. Auf der Oberfläche, zwischen den Lauchringen — immer etwas zu weich gekocht — und den Algenfäden, meint sie, ein Gesicht zu sehen. Vielleicht ihres. Oder das einer anderen, älteren, widerspenstigeren. Das Spiegelbild schwankt, verzerrt sich, verschwindet dann. Sie schliesst die Augen. Ein Geruch von Gewitter und Fisch durchströmt sie.
Als sie die Augen wieder öffnet, ist die Küche leer. Die Suppe dampft noch, brodelt. Violette versteht nun die Bedeutung der Legende: Die vom Blitz getroffenen Liebenden starben nicht — sie offenbarten sich. Es war die Entdeckung des inneren Feuers, bereit, das Schweigen der Generationen zu verschlingen.
Sie greift die brennend heisse Schüssel, führt sie zu ihren Lippen und trinkt.
Scccrrrtch. Scccrrrtch. Scccrrrtch.
Es ist Ormeo, der an den Wänden ihres Herz kratzt.
Die Aorta weitet sich, das Blut rast. Orm’ bewegt sich mit hoher Geschwindigkeit und überträgt elektrische Ener-gie in jede Zelle von Violette.
Die Suppe ist säuerlich und lebendig.
Sie brennt, zerstört aber nicht.
Sie erleuchtet.
Draussen wütet der Sturm noch heftiger, ein Echo genau dessen, was in ihr erwacht.
Der Wind, der Wut und Elend fortträgt, dämpft die Luft mit einer beruhigenden Melancholie.
Sind die Liebenden wie gewöhnliche Asche davongeflogen?
Violette lächelt, kaut ein letztes Mal auf ihrem bitter gewordenen Kaugummi und spuckt ihn dann ohne Reue in den überquellenden Mülleimer.
Ein Knacken. Ein Atemzug. Ein weisses Licht.
Der Donner grollt.
Der Blitz breitet sich über die Almen aus.
Das Licht ist da —
wie eine ewige Nachtlampe.
Alles stirbt,
erlischt,
und beginnt schliesslich von Neuem.
– Text von Vanessa Cimorelli und Tara Ulmann
Anmerkung der Autorinnen: Violette ist eine fiktive Figur. Sie entstand aus drei Stimmen, die sich antworten, sich einander anvertrauen und in einem Atemzug wieder zusammenkommen. Dieser Text ist frei vom Werk von Rebecca Solari inspiriert, beschreibt es jedoch nicht: Er gleitet in ihre Arbeit, entfernt sich, kehrt zurück, wie ein Atemzug. Es handelt sich um ein Schreiben mit und durch ihre Figuren, das ihre Resonanz erweitern will, statt sie zu interpretieren. Violette ist weder eine persönliche Projektion noch ein Zeugnis eines Kuratorinnen-Künst-lerinnen-Verhältnisses, sondern ein gemeinsamer Raum der Vorstellung — ein Ort, an dem Bilder, Gesten und Erzählungen aus Solaris Arbeit neu und eigenständig zusammengefügt werden.
Bilder: Michal Schorro und Séraphine Sallin-Mason
